Morgen würde Swami Vishnu 50 Jahre alt werden. Es war ein großes Fest und ein Dinner geplant. Heute wollte er Mantras verteilen und ich sollte meins bekommen. Wir standen zitternd in einer langen Schlange, knietief im Schnee. Wir fasteten seit dem vorigen Tag. Ich war hungrig, mir war kalt und ich war nörgelig. Die meisten hielten Früchte in den Händen, Geschenke für Swamiji, aber ich hatte nur eine kleine Plastiktüte mit klumpigen Keksen, die meine Kinder gebacken hatten. Ich wollte ihm ein bedeutungsvolles Geschenk geben, ein Geschenk, das von Herzen kam. Und ich vermißte meine Kinder. Phil, mein Lebenspartner und Yogalehrer, stand mit mir in der Schlange. Er erzählte mir, wie wunderbar es sein würde, wenn ich mein Mantra bekäme und daß etwas Magisches geschehen würde. Wie erhaben ich mich fühlen würde, wie glücklich. Ich war immer zur Hälfte Zynikerin und zur Hälfte Gläubige gewesen. Eine Hälfte von mir glaubte, daß dieser ganze Mantrakram lächerlich war. Die andere Hälfte war aufgeregt, hoffnungsvoll und ein bißchen ängstlich. Phil zeigte mir eine Liste von Mantras in einer Yogabroschüre. Es gab ein bestimmtes Mantra, das mich anzog, aber Phil meinte, ein anderes sei besser. Ich wußte nicht, welches ich wählen sollte. Die Schlange wurde kleiner und kleiner, und ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Dann war ich alleine mit Swamiji. Er fragte mich, für welches Mantra ich mich entschieden hätte. Ich sagte es ihm. Er gab mir ein Zeichen, mich hinzuknien. Er wiederholte das Mantra, legte seine Hände auf meinen Kopf und das Mantra wurde lebendig, setzte sich in mein Herz und begann, für sich selbst zu sprechen. Der Klang machte mich ganz krank. Ich drückte ihm die Kekse in die Hand und schwankte aus dem Raum, mir war übel und schwindlig. „Wie war es?“ fragte Phil und lächelte sein weites, einladenes Lächeln. Ich konnte noch nicht einmal antworten. An diesem Abend konnte ich nicht essen. Ich konnte nicht mit Phil die Nacht verbringen. Die ganze Nacht kauerte ich im Baderaum, ich schluchzte und mußte mich übergeben. Das Mantra war wie eine Krankheit, wie eine unerwartete Schwangerschaft. Es hatte sich in meiner Brust festgesetzt., ein fetter, schwarzer Klumpen in meinem Herzen und es hörte nicht auf, für sich selbst zu sprechen. Der Morgen kam, Silvestertag, und dann der Zeitpunkt für Swamijis Geburtstagsfest. Der Speisesaal war voll mit Menschen aus der ganzen Welt, die in allen Sprachen dieser Welt lächelten. Wir knieten oder saßen auf Kissen am dem überaus langen Essenstisch. Swamiji saß am Kopfende des Tisches, alle lächelten. Nur ich lächelte nicht. Mir war so schlecht, daß ich kaum atmen konnte. Ich konnte noch nicht einmal mein Essen probieren. Dann war es so, als würde ich mir selber zuschauen, wie ich aufstand, den Tisch entlang taumelte, über die Arme der Menschen, über ihre Köpfe, ihre Kinder hinweg, „Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung..“ Bis ich am Kopfende neben Swamiji angelangt war. „Bitte,“ flehte ich, „Ich muß Sie sehen.“ Er sagte mir, ich solle gegen zwei Uhr in sein Häuschen kommen. Um zwei Uhr war ich dort. Er hatte noch andere Gäste, eine Familie aus Indien, Mutter, Vater und Sohn. Ich erinnere mich an folgendes: Als ich zu Swamijis Tür kam, sagte er zu dem Jungen, daß sein Name auf Sanskrit „Unterscheidungsvermögen“ hieße und daß das ein sehr bedeutender Name sei. Er sollte über seine Bedeutung nachdenken. Als er sprach, ging Swamiji im Raum herum und servierte von einem kleinen Tablett die Kekse, die meine Kinder gebacken hatten. Die Gäste aßen die Kekse und sagten ihm, wie gut sie seien. Dann gingen die Gäste und ich war allein mit ihm. „Und?“, fragte er mich. „Es ist das Mantra,“ stammelte ich. „Ich habe das falsche Mantra ausgesucht. Bitte, ich brauche ein neues Mantra.“ Swamiji lachte in sich hinein. „Du brauchst kein neues Mantra,“ sagte er. „Das Mantra hat kein Problem. Du hast ein Problem. Komm hierher.“ Also kam ich näher und er ließ mich vor sich niederknien. Dann murmelte er einige Worte in Sanskrit und legte seine Hände auf meinen Kopf. Als er das tat, gingen durch meinen Körper kraftvolle Wellen, durch mein ganzes Sein. Als ich aufstand, war mir schwindlig vor Glück. Eigentlich hatte sich nichts verändert. Das Mantra war noch da, stärker als jemals zuvor. Es wiederholte und wiederholte sich in meinem Herzen, aber anstatt wie ein Parasit fühlte es sich warm an, wie Liebe, die in mir pulsierte. Später traf ich Phil auf dem Weg zum Krishnatempel und zeigte ihm ein riesiges Lächeln. „Siehst Du?“ sagte er zu mir. Das Mantra hörte nie auf und verließ mich nie. Heute, fünfzehn Jahre später, fast ein Jahrzehnt, seitdem ich Phil das letzte Mal gesehen hatte, fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters, ein Jahr nach dem Wegggang meines jüngsten Kindes, sechs Monate nach dem Tod Swamijis, ist es das Einzige, worauf ich mich verlassen kann. Joan Dobbie Eugene, Oregon Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.