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In dieser individuellen Existenz kann in einer sehr kurzen Lebensphase die natürliche Entwicklung gesteigert werden und wachsen. Wir bewegen uns alle in dieselbe Richtung und diese Richtung ist Gott entgegen, oder der Gottheit entgegen, wie auch immer Ihr es ausdrücken wollt.
Es regnet heute und der Regen fällt auf eine weite Fläche, von der Spitze zum Fuß der Berge und überall dazwischen, auf die Bäume, die Seen und die Wiesen. Dieses Wasser sammelt sich langsam, ganz langsam und wird zu kleinen Strömen, die Ströme werden schließlich zu größeren Flüssen. Die Flüsse tragen dasselbe Wasser langsam zu den Stromschnellen, durch Gebirge und Felsen, durch schwierige Pfade, neue Wege durchbrechend, um Hindernisse herum. Die turbulenten Flüsse enden im unermeßlichen Ozean. Ihre Reise ist zu Ende, keine Turbulenzen mehr. Kein Gerenne mehr seit der ganzen Zeit, seit sie die Berge verlassen haben, um Tausende von Meilen in vielen verschiedenen Gestalten durch jegliche Geländeform zu reisen, und viele Hindernisse zu überwinden. Durch all dies ist der rastlose Fluß ständig unterwegs gewesen, seinem Ursprung entgegen, von wo er zuerst kam. Das ist der Ozean. Der Ozean wird Wasserdampf und formiert sich zu Wolken, und wenn diese zu Regenwolken werden, verteilen sie sich auf den verschiedenen Erdteilen und kommen als Regen zur Erde zurück.
Das Wasser war nicht glücklich, weder am Himmel noch auf der Spitze des Berges, es war rastlos. Es wollte zu seinem Ursprung zurück, dem Ozean. Nur dann, wenn der Fluß seine Quelle erreicht hat, wird er wieder majestätisch, universell. Er hat seinen Namen und seine Form verloren. Dieser Fluß, der vom Himalaya kommt und Ganges genannt wird, erreicht nach einer Reise von 3000 Meilen den östlichen Teil von Indien, und wenn er sich mit dem Ozean vereint, verliert er sowohl seinen Namen als auch seine Form. Er wird nicht länger Ganges genannt, er hat auch keine Form mehr. Er vereint sich mit dem riesigen Ozean, sein Name, seine Form und seine Eigenschaften sind verloren. So ergeht es auch dem Colorado River, dem Mississippi und dem Nil, alle Flüsse erreichen den Ozean, und wenn sie ihn erreichen – egal, woher sie kommen - verlieren sie alle Namen und Form. Niemand nennt ihn nun noch Colorado River oder Mississippi oder Ganges. Es ist einfach ein einziger Ozean. Niemand behauptet, „Oh, das ist mein heiliger Ganges. Ich liebe ihn. Ich verehre meinen heiligen Ganges.“ Andere verehren andere Flüsse, sie lieben sie. Aber hier behauptet niemand, „Er gehört mir.“ Er ist allumfassend geworden.
Im Yoga und Vedanta wird diese universelle Erfahrung Gottesverwirklichung genannt, oder wenn Ihr nicht an Gott glaubt, Selbstverwirklichung. Mit dem gewöhnlichen menschlichen Verstand, dem gewöhnlichen menschlichen Intellekt können wir den unendlichen Ozean nicht erfassen, wie groß er ist, wie lang er ist, wie tief er ist und wie weit entfernt. Mit seinen gewöhnlichen Sinnen kann der Mensch das Ende des Ozeans nicht sehen, wie weit und wie tief er ist, wieviele Millionen und Millionen Kreaturen in ihm leben und welche Stürme toben. Nichts von alledem können wir mit unseren Sinnen erfassen, wenn wir auf das Meer schauen. Wenn es also so schwierig ist, den gewöhnlichen Ozean mit unseren Sinnen, unserem Verstand und Intellekt zu ergründen, wie können wir dann über Gott nachdenken?
Gottes unendliche Natur geht weit über unseren Verstand hinaus. Sogenannte Gottesführer, besonders die fanatischen, sprechen von Gott, als wäre er auf ihrer Seite, sie verstehen seine unendliche Natur nicht. Gott ist weder auf der Seite der Russen oder der Amerikaner noch auf der der Moslems, Israelis oder Hindus. Gott ist ein unendlicher Ozean der Liebe, des Mitgefühls, der Gnade, der Wahrheit, der Freude und des Friedens. Wir können nicht ermessen, wie groß er ist, wie mitfühlend dieses höchste Wesen ist. Noch können wir die unendliche Schöpfung ermessen, die er erschaffen hat.
Obwohl viele von Euch gebildet sind, denken die meisten von Euch immer noch, daß Gott nur den Planeten Erde erschaffen hat, vielleicht noch die Sonne und den Mond. Und auf diesem Planet Erde nahm er sich viel Zeit, um Euch Menschen zu erschaffen. Er erschuf Adam und Eva und sie benahmen sich nicht rechtmäßig. Sie aßen den Apfel und dann bevölkerten sie diesen Planet Erde. Dann kamen einige Millionen Juden, einige Millionen Christen, einige Millionen Hindus, Araber, Amerikaner, Russen usw. So gibt es jetzt ungefähr fünf Milliarden Menschen auf diesem Planeten Erde. Und dann teilen wir diesen Gott in verschiedene Sektionen auf: Gott der Hindus, Gott der Christen, Gott der Katholiken, Gott der Protestanten, Gott der Israelis, Gott der Moslems, Gott der Buddhisten. Das ist nicht Gott. Wir teilen dieses Höchste Wesen und machen aus ihm ein endliches Objekt.
Dieser Gott, dieses unendliche Wesen, das wir nicht durch unseren Intellekt oder durch unseren Verstand erkennen können, wird so aufgespalten, daß er in unseren geistigen Zustand paßt. Wir pressen dieses Höchste Wesen in einen schmalen, winzigen Umschlag. Ein Hindu denkt, „Gott ist nur da, um mich zu beschützen, weil ich ein Hindu bin. Ich verehre Gott Krishna, also wird Krishna nur mir helfen, einem Hindu, der Krishna verehrt und vielleicht auch den Hare Krishna Leuten.Auch sie verehren Krishna.“ Aber Krishna wird nicht den Christen, Moslems, Juden, Arabern, Russen, Gläubigen oder Ungläubigen helfen, weil sie ihn nicht Krishna nennen. So sagen die Moslems, „Oh nein! Nein, nein! Der Name Gottes ist Allah, nicht Krishna. Euer Krishna ist ein Nichts. Unser Allah ist der Höchste Gott. Er wird nur Moslems beschützen oder diejenigen, die ihn Allah nennen und ihn so verehren, wie Moslems es tun. Sonst wird Allah Euch nicht helfen. Er wird Euch zerstören. Also seid bei uns dabei.“ Und Israelis und Juden sagen, „Oh, nein, nein, nein! Gott ist auf unserer Seite. Solange Ihr nicht diesen besonderen Weg geht, wird Gott Euch keinerlei Erlösung geben.“ Protestanten sagen, „Oh nein, nein. Nein! Das stimmt nicht! Wir haben einen Höchsten Vater, und Jesus kam und nur durch ihn werdet Ihr Gott erkennen. Kommt zu uns.“
Jeder Religionsführer kam und sagte, „Gott ist Eins und er ist auf meiner Seite.“ Jede Religion – Christentum, Judaismus, Islam, Hinduismus- ganz egal. Sie sagen alle, daß es nur einen Gott gibt. Aber wenn Du diesen Gott verehrst, heißt es, „Oh nein! Wir sind gespalten. Es gibt nicht nur einen Gott. Der Gott der Hindus ist verschieden vom Gott der Christen oder der Juden.“ Das ist Ignoranz. Das ist nicht das Ziel von Yoga und Vedanta.
Erinnert Euch an den Fluß. Der Ganges vereint sich mit dem Ozean und dieser Ozean enthält das Wasser von Tausenden von Flüssen auf der ganzen Welt. Nicht nur das Wasser des heiligen Ganges erreicht diesen Ozean, sondern auch das Wasser aller Flüsse, die nicht verehrt werden, die zum Fischen benutzt werden und auch die, die verschmutzt und nicht heilig sind. Wenn sie zum Ozean kommen, macht er keinen Unterschied bei dem heiligen Hinduwasser. Der verschmutzte und der heilige Fluß werden eins. Das ist der Weg der Gottesverwirklichung.
Unterscheidung ist im Yoga und Vedanta ein Widerspruch. Wenn Ihr folgende Gedanken auflöst: “Ich bin von Dir verschieden, meine Religion ist von Deiner verschieden, mein Gott ist von Deinem verschieden,“ dann habt Ihr Yoga und Vedanta. Weil die Menschen nicht in der Lage sind, diese Unterscheidungen aufzulösen, sind wir in unserem gegenwärtigen Zustand auf diesem Planeten Erde, in dieser speziellen Phase der Geschichte. Der Mensch hat einen Zustand erreicht, in dem er fast tot ist. Die Schlinge sitzt um seinen Hals. Er steht ganz oben auf seinen Zehenspitzen. Der Tisch unter ihm ist sehr wackelig. Jeden Moment kann er sich erhängen. Die menschliche Rasse ist verdammt, bis uns eine göttliche Macht rettet. Und diese göttliche Macht wird nicht kommen, um nur Hindus zu retten oder Juden oder Christen oder Moslems oder irgendeine andere Gruppe. Diese göttliche Macht wird uns alle aufnehmen, wie der Ozean.
Swamiji lehrte uns immer die Gleichheit aller Religionen und die Notwendigkeit der hingebungsvollen Praxis. Obwohl er von Geburt ein Hindu war, begrenzte er sich nicht auf irgendeine bestimmte religiöse Praxis. Zu Weihnachten und Ostern wurden oft katholische Messen gefeiert. Ein Baptistenchor kam regelmäßig zu den Yogaretreats in Nassau, um dort zu singen. Rabbi Shlomo Karlbach kam, um uns singen und tanzen zu lehren. Auf der Yoga Ranch in Woodbourne wurden oft typische uramerikanische Schwitzhütten abgehalten.
Menschen sind von Natur aus emotional und müssen diese Seite von ihnen ausdrücken können. Swamiji ermutigte uns, unsere emotionale Natur, welche wir anderen gegenüber ausdrückten, in bhakti (Hingabe) umzuwandeln, in den Ausdruck der Liebe zu Gott. Zweimal am Tag im satsang sangen wir Mantras und damit den Namen Gottes. Religiöse Feiertage wurden mit besonderen pujas gefeiert. In den Ashrams waren überall Schreine und Tempel.
Swamiji zögerte niemals, seine eigene Hingabe auszudrücken. Er brach oft in Tränen aus, wenn jemand das Bhagavatam sang oder wenn Schüler fromme Stücke über das Leben von Krishna, Rama oder anderen Personen aus den Schriften aufführten. Swamiji ging auch regelmäßig auf Pilgertouren, besonders als er älter wurde und seine Hingabe an die Göttliche Mutter immer stärker wurde.
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.