Eines Abends hatte ich einen Wortwechsel mit einem meiner Freunde, einen dummen Wortwechsel, aber er rüttelte meinen ganzen Geist auf: Was ist das Leben? Was ist es? Wir machen immer dieselben Dinge. Wir stehen morgens auf, wir essen, wir waschen uns, wir gehen ins Büro, wir arbeiten, wir geben ein paar Anweisungen, wir nehmen Anweisungen entgegen, wir verdienen etwas Geld, wir gehen schlafen, wir genießen. Gibt es irgendetwas darüber hinaus? Ich beschloß, mich von all diesen Dingen zu entfernen und zog mich zurück, außer von meinen offiziellen Pflichten. Am nächsten Morgen suchte ich in meinem Büro nach einem verlorenen Brief, aber ich konnte ihn nirgends finden. Vielleicht war er im Papierkorb. Ich schaute nach, aber ich fand ihn nicht. Ich fand etwas anderes.
Im Papierkorb lag eine göttliche Nachricht. Es war eine kleine Broschüre, welche die Essenz des Yoga enthielt. Es nannte sich Sadhana Tattwa oder Praxis des Yoga. Es war das erste Mal, daß ich so etwas sah. Der Mann, der diese bereits zerknüllte Broschüre geschrieben hatte, war Sri Swami Sivananda aus Rishikesh im Himalaya. Ich las den klaren, einfachen Inhalt. Es begann mit einigen Überschriften, „Eine Unze Praxis ist besser als Tonnen von Theorie“. Dann beschrieb er einen einfachen Weg, um Frieden zu finden. Er begann mit „Kultur (Pflege?) der Gesundheit“, dann „Kultur der Energie“, Kultur der Ethik“, „Kultur des Willens“, „Kultur des Herzens“, „Kultur der Psyche“, und zum Schluß „ Kultur der Spiritualität“.
Für die Kultur? der Gesundheit forderte er uns auf, asana und pranayama zu praktizieren. Ich wußte überhaupt nichts darüber, aber ich kannte die Bedeutung der Wörter. In Sanskrit bedeutete asana „Körperhaltung“. Ich hatte es tatsächlich schon mal als kleines Kind gesehen. Ein Yogi kam in unsere Schule und führte die Yogahaltungen vor, daher konnte ich mich daran erinnern. Zu dieser Zeit war Yoga nicht besonders gut bekannt, also wollte ich es kennenlernen. Aber ich wollte nicht einfach nur Yoga studieren. Alles, was in diesem Pamphlet geschrieben stand, war das, wonach ich gesucht hatte. Ich spürte, daß ich diesen Mann finden mußte, wo immer er auch war. Seine Schriften hatten einfach meine Herz durchbohrt.
Es war während des Krieges fast unmöglich, Rishikesh im Himalaya zu erreichen, es lag ca. 600-700 Meilen von meinem Armeecamp entfernt lag. Vor allem aber war es einem nicht erlaubt, am Sonntag mehr als zwei Stunden das Camp zu verlassen. Ich wollte zwei oder drei Tage Ausgang haben, was normalerweise nicht erlaubt war. Egal, ich stellte einen Antrag und wartete ab, was passieren würde. Er wurde genehmigt, es war Gottes Wille. Ich fuhr nach Rishikesh und sah Swami Sivananda das erste Mal. Diese Begegnung veränderte mein ganzes Lebenskonzept. Ich hatte erwartet, Swami Sivananda auf einem Tigerfell sitzend zu sehen, mit einem langem Bart, mit Blumen in seiner Hand, um die Schüler zu segnen, halt die Art, wie man die meisten Swamis sieht. Ich glaubte nicht an diese religiösen Scheinheiligen, aber ich hatte immer noch diese Vorstellung in meinem Kopf. Zu meinem Erstaunen hatte Swami Sivananda weder ein Tigerfell noch Blumen oder Schüler, die sich vor ihm verbeugten. Es gab eine Gruppe Pilger und Besucher, die vor ihm standen und saßen und ihm in normaler Art Fragen stellten. Seine Antworten waren so wunderschön, so genau und so einfach. Ich war mitten in der Menge und saß weit entfernt. Ich konnte nur zwei Minuten bleiben, das war alles. Ich mußte den Bus zurück nehmen oder man würde mich vor ein Kriegsgericht stellen. Aber diese zwei Minuten waren für mich der Mühe wert, ihn zu sehen und zu erfahren, welche Persönlichkeit er war. Ich konnte mich ihm nicht nähern, weil ich sehr unbedeutend und unwissend war. Welche Frage konnte ich ihm stellen? Dort waren Hunderte von Menschen, die sehr intelligent, sehr gebildet und spirituell entwickelt waren. Ich war ein unbedeutender Junge von 17 Jahren, welche Frage konnte ich solch einem spirituellen Riesen stellen? Aber das war für mich nicht wichtig, als ich ihn ansah, war ich zufrieden. Zum ersten Mal sah ich einen aufrichtigen Menschen, und was er sagte, war so direkt, und wenn er lächelte, war es, als ob Energie von seinem Gesicht in meins strömte. Es berührte meinen Körper und meinen Geist, mein ganzer Körper war in einer Art Exstase, einfach wenn ich ihn anschaute. Dann verließ ich meinen zukünftigen Meister.
Aus: The Yogi, von Gopalakrishna
Einige Seiten zum Thema:
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