Letzten Monat (Dezember 1984) reiste ich mit dem Team des New Yorker Sivanandazentrums nach Kanada, um Weihnachten und Neujahr mit Swami Vishnu im ashram in Val Morin zu verbringen. Zuerst fuhren wir zur Ranch im Norden New Yorks, dann reisten wir gen Norden durch das Adirondackgebirge(?), an Montreal vorbei und weiter in das Laurentiangebirge. Als wir in Val Morin ankamen, schneite es heftig. Die Mitarbeiter gingen zu Swamijis Haus hinunter, um ihn zu besuchen, aber ich sah ihn nicht bis zum satsang , wo er vom Stern Bethlehems sprach und uns bat, diesen geistig zu visualisieren. Als er sprach, begann mein Geist zu wandern. Ich sagte zu mir, „Dieses Sternengerede wird ziemlich langweilig.“ Plötzlich, als ich dort mit geschlossenen Augen saß, sah ich etwas Glänzendes, Sternenförmiges. Ich dachte, „Er mag sich wiederholen, aber es funktioniert.“ Ich wunderte mich über diese besondere Wirkung seiner Geisteskraft auf mein Bewußtsein.
Trotzdem hatte ich während meines ganzen Aufenthalts ständig an ihm etwas auszusetzen. Als er zur Meditation erschien, fragte ich mich: „ Wer macht hier solchen Lärm?“ Eine schwerfällige, atemlose Person kam in den Raum, mit sehr viel unwürdigem Gepuste und Gekeusche. Ich schaute heimlich, und da war Swamiji, mit einem ziemlich mürrischem Ausdruck auf seinem Gesicht und begrub seine Füße unter sich, als er sich in seinen riesigen, orangefarbenen Stuhl niederließ. Außerdem hustete er, was ich als störend empfand.
War das der weise Mann, den ich im Herbst in New York so verehrt hatte, als er eine Puja zu Ehren Devis gab, der großen Gottheit? Ich war damals so überwältigt von Swami Vishnus Heiligkeit, daß ich ihn auf der Stelle um eine Mantraeinweihung bat. Seitdem hatte ich stets gewissenhaft mein Mantra wiederholt und meditierte sehr fleißig. Aber ich kam nicht voran. Ich war nach Val Morin gekommen, weil ich hoffte, daß Swamiji mir helfen würde, meinen Meditationsstillstand zu durchbrechen. Jetzt, wo ich endlich in seiner Gegenwart war, wußte ich nicht recht, was ich von ihm halten sollte.
Einen Tag nach Weihnachten gab es stundenlange Schneeschauer, und Swamiji wurde durch die Eisschicht in seinem Haus festgehalten, weil die Straße, die steil von seinem Haus hinaufführte, für ihn unpassierbar war. Zuerst wurde angekündigt, daß die Meditation ausfiel. Dann wurde uns gesagt, daß sie doch stattfand, aber ohne Swamiji. Ich glaube, wir waren alle ziemlich untröstlich bei dieser Aussicht, ich jedenfalls war es. Ich wollte soviel Zeit wie möglich mit ihm verbringen, obwohl er mich verwirrte oder vielleicht gerade deswegen. Also war ich sehr aufgeregt, als wir zur Meditation in sein Haus eingeladen wurden.
Zwanzig von uns marschierten die vereiste Straße zu Swamijis Haus hinunter und wurden in das angrenzende Gewächshaus geführt. Am Ende des Raumes gab es einen großen Whirlpool mit dampfendem Wasser, von Hängepflanzen tropfte Kondenswasser auf unsere Köpfe. Die feuchte, üppige Atmosphäre war ein willkommender Kontrast zu der eiskalten Welt da draußen, aber es war nicht die asketische, spartanische Umgebung, die ich erwartet hatte. Ich kam zum Schluß und setzte mich auf den einzigen freien Platz, direkt zu Füßen von Swamijis orangefarbenem Stuhl. Ich blickte nervös umher und fragte mich, was ich machen sollte.
Endlich kam er. Er brauchte einige Zeit, bis er sich auf seinem Stuhl niedergelassen hatte und dann informierte er uns, daß er nicht zu reden gedenke. Immerhin wollte er die Meditation führen. Knapp und wunderschön erklärte er Meditation und Mantras und erreichte dann den meditativen Zustand. Ich konnte das genau sehen, da ich nicht meditierte, sondern ihn beobachtete. Ich riß mich zusammen und begann nun gewaltig zu arbeiten, um meinen Geist zu beruhigen. Nichts geschah. Ich war so enttäuscht. Ich war sicher, daß ich anfangen würde, Fortschritte zu machen, so mittendrin in seinem Energiefeld. „Bitte, guru, reinige meinen Geist,“ betete ich, und ich meinte es so. Nichts. Also fand ich mich einfach damit ab, mich in seiner Aura zu sonnen und akzeptierte es als das, wofür ich zur Zeit bereit war. Dann kratzte er sich. „Wie geht das?“ fragte ich mich. „Kann sogar er herumzappeln und sich kratzen?“ Aber der Gedanke entschwand sofort aus meinem Geist und kaum hatte er sich zum ersten Mal gekratzt, erreichte ich einen glückseligen geistigen Zustand.
Als die Meditation beendet war, sangen wir unter seiner Führung fünfzehn Minuten Om Namo Naranayana. Er verabschiedete uns, indem er sagte,“ Dieses Mantra wird Euch helfen, den Geist zu reinigen.“ Ich hatte das Gefühl, daß er mich direkt ansah und mir ein bißchen geschäftsmäßig zunickte.
An unserem Abreisetag schneite es heftig. Swamiji rief uns New Yorker hinunter zu seinem Haus, um uns zu verabschieden. Er begrüßte uns an seinem Schreibtisch, in einem schwarzen Lederdrehstuhl sitzend, seine Füße unter ihm vergraben. Wir saßen auf dem Boden und tranken heiße Schokolade. Auf Swamijis Aufforderung las jemand laut Werbematerial vor, wie man einen Computer von Grund auf mit einer Art Gesundheitstasche (?) bauen konnte. Wir mußten über dieses scheinbar übertriebene Versprechen der Werbung kichern, aber Swamiji wollte unbedingt alles hören. Er war sehr angetan von der Idee, selbst einen Computer zu bauen, mit Hilfe eines jungen Mitarbeiters. Ich hatte mir meinen guru nicht unbedingt als einen berühmten Mechanikerknaller vorgestellt, aber ich mußte zugeben, daß ich seine Fähigkeit zur jungenhaften Begeisterung mochte. Auf jeden Fall hatte er einen wißbegierigen Geist.
Ich stellte fest, daß meine Augen brannten, als ich Swamiji ansah, und ich war fast benommen von der Kraft seiner Gegenwart. Die Tatsache, daß diese Aufmerksamkeit nur einigen wenigen Leuten galt, schien diese Energie zu verstärken. Er plauderte mit uns, während wir unsere Schokolade tranken und ich war dankbar, daß er mich mittlerweile ein wenig kannte. Ambika und ich hatten zu Ehren seines Geburtstages an Sylvester ein Theaterstück aufgeführt. Seitdem hatte ich bei der Meditation den Eindruck, daß er prüfte, ob ich da war. Vielleicht hatten wir alle dieses Gefühl?
Er fütterte uns mit Mozartkugeln und Süßigkeiten und gab uns zum Abschied seinen Segen. Aber es schneite weiter und spät am Nachmittag erfuhren wir, daß Swamiji uns nicht erlaubte, bei solch einem Sturm abzureisen. Wir sollten erst am nächsten Morgen um 5.30Uhr fahren, da es bis dahin aufhören sollte zu schneien.
Früh am nächsten Morgen waren wir auf und stapften durch den Schnee, um das Auto vollzupacken. Es war stockdunkel und unheimlich still. Plötzlich erschien Swamiji mit einer Taschenlampe, da er von seinem Haus auf dem Weg zur Meditation war. Er war eine beeindruckende Erscheinung in seiner orangefarbenen Robe, Armeestiefel, orangefarbener Daunenjacke und Turban. Er begrüßte uns herzlich und betete inbrünstig für unsere Sicherheit. Er segnete jeden von uns und ging dann weiter, drehte sich aber ein oder zweimal um, um uns weiter zu segnen. Ich habe ein deutliches Bild von Swami Vishnu vor meinem Auge, in seinem wundervollen Gewand, im Schnee stehend, mit all der Dunkelheit um uns herum, absolut strahlende Liebe und Anteilnahme.
Wir drängten uns ins Auto und fuhren davon. Die Straßen waren entsetzlich und wir schlitterten einige Male gefährlich. Ich war ungeheuer froh über Swamijis Segen. Hinter Montreal besserte sich der Straßenzustand und wir machten uns auf die lange Reise zurück nach New York. Ich starrte aus dem Fenster und ließ im Geiste meine letzten Begegnungen mit Swamiji noch mal an mir vorbeiziehen. Ich konnte ihn nicht verstehen. Er war unverkennbar so heilig und zur selben Zeit unverkennbar solch eine Persönlichkeit. „Wenigstens schwebte er nicht über den Wolken,“ dachte ich. Nein, er zeigte sich als eine Persönlichkeit, genau wie ich eine war. Ich beschloß jedenfalls, mich von seinem mangelnden Anspruch nicht täuschen zu lassen. Ich sah in ihm genau das, was er war: bewundernswerter Gurudev.
Aus: “The Yogi” von Golapakrishna
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