Der folgende Text ist ein Auszug einer Rede, die Swamiji in den späten 80er Jahren in Berlin hielt, daher die ganzen Hinweise auf Deutschland.
Um die Yogaphilosophie zu verstehen, sind zwei Dinge wichtig: alle Dinge verändern sich - Ihr könnt diesen Prozess noch nicht einmal für einen Moment aufhalten – und Materie wird nicht zerstört. Diese Prozesse der Veränderung nennt Ihr Geburt und Tod. Der Tod der Tomate in meinem Mund ist die Geburt meines Körpers, der Tod meines Körpers ist die Geburt von neuen Würmern oder Keimen oder Bakterien oder Pflanzen. Materie kann nicht erschaffen oder zerstört werden, aber sie bleibt nicht im selben Zustand, sie verändert sich.
Der Körper verändert sich jetzt in diesem Moment. Schaut genau auf meine Haare. Seht Ihr irgendein neues graues Haar wachsen? Seht Ihr genau in diesem Moment irgendwelche neuen grauen Haare? Oder sehen meine Haare so aus, als blieben sie jeden Moment genau gleich? Kann dieser Prozess zu einer bestimmten Zeit aufgehalten werden? Wenn ich eine griechische Formel auf meine Haare auftrage, wird dieser Prozess dann aufgehalten? Ob Ihr es nun seht oder nicht, der Prozess geht immer weiter. Schaut Euch die Bilder im Großen Illustrierten Yoga-Buch an. Das sind alles Bilder von mir, als ich dreißig Jahre alt war. Jetzt bin ich sechzig. Den Körper, den Ihr hier seht, ist nicht derselbe, der er war, als ich aus Indien kam. Ich kann den Unterschied im Körper sehen.
Aber diese Veränderung geschieht nicht über Nacht oder einmal pro Jahr. Geschieht sie wirklich? Plötzlich ist Euer Geburtstag und Euer Körper ist ein Jahr älter. Wie geschieht diese Veränderung? Von Augenblick zu Augenblick. Dieser Prozeß hört nicht auf, er hat nie aufgehört. Wenn ich in zehn oder fünfzehn Jahren hierhin zurückkommen würde, hätte sich mein Körper verändert. Aber diese Veränderung, die Ihr in zehn oder fünfzehn Jahren bemerken würdet, findet bereits in diesem Moment statt. Aber vergeßt nicht, Ihr verändert Euch zur selben Zeit. Ihr denkt, „Gut, klar, Swami Vishnu wird alt, aber wir bleiben für immer jung.“ Auch Ihr verändert Euch jetzt gerade in diesem Moment. In dreißig oder vierzig Jahren werdet Ihr die ganzen Veränderungen sehen. Dieses Gebäude verändert sich, der Planet Erde, die Sonne, der Mond, die Sterne und die Galaxien – nichts bleibt auch nur für einen Moment im selben Zustand. Das ist die Philosophie des Yoga.
Veränderung ist unvermeidlich. Könnt Ihr irgendetwas finden, was sich nicht verändert? Ah, jetzt kommt die Antwort, die nur Yoga geben kann. Alle Objekte, alle Materie verändert sich, aber das Subjekt wird sich nie verändern. Nun, was ist das Subjekt? Das Subjekt ist „Ich bin“ und das Objekt ist etwas, was ich nicht bin. Was immer nicht „Ich“ ist, muß Objekt sein, versteht Ihr das? Also was bin ich? Subjekt. Und Ihr seid alle? Objekte.
Ist die Blume Subjekt oder Objekt? Natürlich ein Objekt. Was ist die Eigenschaft von Objekten, von Materie? Was ist die Eigenschaft aller Dinge? Alle Dinge verändern sich jeden Moment und alle Objekte können abgegeben und auch wieder zurückgenommen werden. Das ist ein einheitliches Gesetz, ein Grundgesetz für Objekte. Dieses Gewand, ist es ein Objekt oder ein Subjekt? Auch wenn ich dieses Gewand trage, wird es kein Subjekt werden, oder? Es verändert sich, oder? Und ich kann dieses Gewand weggeben. Also ist es offensichtlich ein Objekt. Es verändert sich und es kann weggeben werden.
Aber nun ist dieser Finger ein Problem. Ist er ein Objekt oder ein Subjekt? Es gibt Menschen, die sagen, er ist ein Subjekt. Das ist das Problem im Westen. Also, dies ist ein indischer Finger, oder nicht? Es ist auch ein Hindufinger und er ist auch ein Swamifinger. Also ist dieses Subjekt Hindu, Swami und Indisch. Aber morgen sagen mir meine Schüler, „Swamiji, ich arbeite in Paris, und es gibt jede Menge zu tun, also brauche ich noch einen Finger.“ Also gehen wir zum Arzt, der meinen Finger nimmt und ihn an seiner Hand anbringt. Und nun, welcher Finger ist es? Ist er immer noch mein Finger, obwohl er jetzt auf seiner Hand ist? Wem gehört der Finger? Wer benutzt ihn? Er benutzt ihn, als sei es sein eigener. Es gibt eine Eigenschaft eines Objekts, Ihr könnt es abgeben oder es zurücknehmen.
Die nächste Frage ist, „Verändert sich dieser Finger?“ Schaut einfach auf Euren Finger. Als Ihr ein Baby wart, konnte er sich ganz zurück krümmen. Nun steht er gerade wie eine Stahlrohr, aber Eure Finger waren mal sehr flexibel. Dann kommt die Arthritis und die Hand ist steif und krumm. Habt Ihr schon mal Menschen mit arthritischen Händen gesehen? Diese Hände haben nicht so angefangen und sie haben sich nicht auf einmal verändert. Es ist im Laufe der Zeit passiert. Wenn Ihr es nicht glaubt, schaut Eure Hände in dreißig Jahren an. Sie verändern sich. Also können sie kein Subjekt sein. Wenn Ihr mir das nicht glaubt, gebe ich Euch noch ein anderes Beispiel.
Am Samstag spürte ich Schmerzen in meiner Brust und in meinem Herzen. Ich rannte zum Arzt. „Doktor! Doktor! Ich bekomme einen Herzinfarkt!“
Der Arzt sagte, „Ok, Swamiji, ich werde alles gründlich untersuchen. Hmm, ja. Ein Herzanfall, ich kann Ihren Herzanfall sehen.“
„Was soll ich machen, Doktor?“
„Keine Sorge. Ich habe ein scharfes Messer. Ich schneide Ihr Herz heraus und werfe es weg. Und ich gebe Ihnen ein Affenherz.“
„Vielen Dank, Doktor. Sie sind klasse.“
Also verschwand mein süßes Herz im Papierkorb und ich bekam ein neues Herz, ein Affenherz. Jetzt mit einem Affenherz, wer ist das Subjekt „Ich bin?“ Wer bin ich? Werdet Ihr meine Botschaft anhören, wenn ich ein Affenherz habe? Werdet Ihr denken, daß ein Affe zu Euch spricht? „Hi Affe! Wir wollen nicht, daß Dein Affenherz so zu uns spricht.“ „Er ist ein Affe!“ Würdet Ihr mir immer noch kostbare Geschenke bringen? Werdet Ihr mir Blumen bringen, wenn ich ein Affenherz habe? Seid vorsichtig, ich habe ein Affenherz und Affen fressen Blumen. Aber das Subjekt ist immer noch das Gleiche, oder nicht? „Ich bin“ ist derselbe geblieben.
Gut, wenn das so ist, was ist dann mit der Leber? „Doktor, Doktor! Meine Leber greift mich an!“
Der Doktor untersuchte mich, nahm Blut ab und sagte mir, „Swami Vishnu, Sie haben sehr wenig Blut in Ihrem Alkoholfluß!“
„Was soll ich tun, Doktor?“
„Ich gebe Ihnen eine Schweineleber.“
Ein Mann in Amerika lebte fünfzehn Tage mit einer Schweineleber. (Ich erzähle Euch nicht irgendeine Story, wirklich. Er lebte fünfzehn Tage mit einer Schweineleber.)Am nächsten Tag brauchte ich neue Nieren, weil meine Nieren ausgefallen waren und ich bekam die Nieren einer Ziege.
Dann war mein Blut völlig vergiftet. Wieviele Arten von Blut gibt es? Gut, laßt uns überlegen. Es gibt deutsches Blut, englisches Blut, russisches, amerikanisches, Hindublut, afrikanisches Blut, protestantisches Blut, Ostberlinerblut, Westberlinerblut…Wieviele Sorten von Blut gibt es? Vier: A, B, AB und O. Ihr könnt diese vier Sorten Blut überall in der Welt finden. Mein Hindu A Blut ist nicht gut, also sagte mir der Arzt, daß ich eine Transfusion mit neuem Blut erhalten würde, aber es gäbe nur einen Hindu hier und er hat die Blutgruppe B, „Oh, Swami, ich bin ein Hindu, ich gebe Ihnen mein B Blut.“
Dann sagte jemand anderer, „Nein, Swamiji, ich habe Blutgruppe A, deutsches Blut Gruppe A.“
Oh nein, nein, nein! Ich möchte kein deutsches Blut. Ich bin ein indischer Hindu. Ich werde nur Hindublut nehmen.“
Aber wenn es Hindu B Blut ist, werde ich sterben. Dem Körper ist es egal, ob es Hindu oder amerikanisches Blut ist, solange es die Blutgruppe A als Ursprung hat. Also nahm der Arzt mein ganzes Hindu A Blut und gab mir deutsches A Blut.
Nun habe ich ein Affenherz, eine Schweineleber, Ziegennieren und deutsches Blut. „Was ist mit Ihrer Religion, Swamiji, und Ihrer Nationalität?“ Gut, ich war vorher ein Inder, aber seit dreißig Jahre lebe ich in Kanada, ich habe einen kanadischen Pass, ich reise als ein Kanadier. Wenn dieser Körper einen indischen Pass hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen, die deutsche Grenze zu überqueren, auch wenn der Körper derselbe ist. Einfach die Tatsache, daß sie einen indischen Pass sehen-nur der Ausdruck Indien auf einem Stück Papier-„Oh nein! Sie brauchen ein Visum.“ Wenn ich hier einen Monat bleiben möchte, brauche ich drei Monate, um ein Visum zu bekommen. Mit einem kanadischen Paß gehe ich einfach durch. Also bin ich Kanadier. „Und was ist mit Ihrer Religion, Swamiji?“ Gut, ich wurde ein Swami, ein hinduistischer Mönch. Das können die Menschen verstehen, es ist wie ein Priester, Vater Johannes. Und was ist mit dem Geschlecht? Eine kleine Operation mit Hormonen und ich werde eine Frau. Das passiert häufig.
Also, nun bin ich hier mit einem Affenherz, einer Schweineleber, Ziegennieren, deut-schem Blut, mit Plastiknase und Plastikaugen, Frau Vater Johannes. Wer bin ich? Wer bin ich? Ich komme hierher. Ich habe all diese verschiedenen Teile in mir, ich habe sie nun in diesem Körper, genau wie ich sie beschrieben habe, und ich spreche zu Euch. Wer bin ich? Habe ich mich verändert? Hat sich meine Persönlichkeit verändert? Bin ich das? Bin ich das? Bin ich das?
Ich bin, der Ich bin. Ich bin nicht Vishnu, Ich bin kein Kanadier, Ich bin kein Deutscher, Ich bin nicht dieser Körper, Ich bin nicht die Hand, das Herz, die Leber, die Füße, die Nieren, Ich bin nicht der kausale Körper, Ich Bin. „Ich Bin.“ Das ist die Antwort zu „Wer bin Ich?“ Das ist die zentrale Philosophie des Yoga, und das Ziel des Lebens ist, dieses Ich zu finden.
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.