Das spirituelle Tagebuch
Freitag, Mai 22nd, 2009Die praktischen Ratschläge in dieser Schrift waren immer nah an Swamijis Herz und bildeten den Eckpfeiler dafür, wie er den Rest seines Lebens lehrte und arbeitete. Besonders der Einführungssatz, „Eine Unze Praxis ist mehr wert als Tonnen Theorie,“ beschreibt prägnant seine Annäherung an die Yogaphilosophie. Rede nicht nur darüber, sondern handel jetzt.
Um das Handeln zu erleichtern, ermutigte Swamiji seine Studenten, dem anderen Hauptteil der Schrift zu folgen, der in der Einführung zu finden ist, „Fasse nur einige praktikable Vorsätze, die eine kleine, aber bestimmte Verbesserung über Deine gegenwärtigen Gewohnheiten und Wesenszüge ermöglichen.“ An jedem Neujahrstag ermutigte er seine Studenten dazu, neue Vorsätze für das kommende Jahr zu fassen, die die zweiunddreißig Punkte im Sadhana Tattwa zur Grundlage hatten. Hier erklärt er diesen Prozess.
Als ich im Himalaya meine Übungen absolvierte, faßte ich meine Beschlüsse schriftlich zusammen, genau wie in Gurudevs Instruktionen. Ich führte ein Tagebuch, um zu überprüfen, ob die Vorsätze auch wirklich eingehalten und die Techniken ausgeführt wurden. Man sollte täglich folgendes notieren: Wieviele Stunden Asanas gemacht wurden, wieviele Runden Pranayam, wieviele Stunden des Schweigens eingehalten wurden, wie oft man in Wut geraten war, wie oft man Brahmacharya nicht eingehalten hat. Am Abend kann man das Tagebuch überprüfen und es mit dem Vorsatz vergleichen, so daß man ihn am nächsten Tag einen neuen Versuch starten kann, es besser zu machen.
Nach einigen Tagen des Mißerfols ist man plötzlich in der Lage, sein Ziel zu erreichen. Dann sollte man den Vorsatz auf eine höhere Ebene bringen. Anstatt Pranayam nur zweimal, sollte man es jetzt dreimal am Tag machen. Das spirituelle Tagebuch zeigt einem, ob man Fortschritte macht oder nicht. Es ist für jeden spirituellen Aspirant sehr wichtig, daß er seine eigene Fortschritte sehen kann. So hat er eine Art Führer oder Lehrer zu Verfügung, der ihm über die Schulter schaut.
Du faßt doch am Neujahrstag alle möglichen Vorsätze, oder? Du beschließt, nicht zu rauchen, kein Fleisch zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder kein Marihuana zu rauchen. Das ist eigentlich kein richtigiger Beschluß, selbst wenn Du 100% erfolgreich bist, da das sowieso schon Dein Lebensstil ist. Du mußt etwas nehmen, in dem Du noch nicht perfekt bist und was Du verbessern willst. Wenn ich die oberen vier Beschlüsse fassen würde, wäre ich vollständig erfolgreich, also sollte ich einen nützlichen Beschluß nehmen wie „Ich werde mich nicht ärgern.“ Jedes Jahr versage ich bei diesem Beschluß, also mache ich ihn erneut. Anstatt jeden zweiten Tag ärgerlich zu werden, werde ich nur noch jeden dritten Tag ärgerlich.
Ich schreibe kein spirituelles Tagebuch mehr, aber ich habe immer noch eins in meinem Kopf. Bevor ich ins Bett gehe, überprüfe ich, wie oft ich ärgerlich geworden bin oder wie oft ich geschrien habe. Dann bete ich zu Gott und sage, „Oh Herr, ich opfere es Dir.“ Auf diese Weise lasse ich los. Darum geht es bei diesen ganzen Beschlüssen.
Fasse keinen Vorsatz, den Du nicht bis zu einem gewissen Grad einhalten kannst. Wenn Du am Anfang zuviele Vorsätze faßt, ist es als ob Du einen schwachen Muskel überforderst. Er wird zusammenbrechen. Die Disziplin sollte langsam und Schritt für Schritt erfolgen, um den rebellischen Geist zu vermeiden. Mache realistische Beschlüsse und schaue dann in Dein Tagebuch. Vielleicht hast Du beschlossen, um fünf Uhr aufzustehen. Wenn Du an zwanzig Tagen im Monat um acht Uhr und an den restlichen zehn Tagen um fünf Uhr aufgestanden bist, dann sei glücklich. Vielleicht hast Du an zwanzig Tagen nur eine Stunde Asanas gemacht, aber an den anderen zehn Tagen zwei Stunden. Vielleicht hast Du an zwanzig Tagen nur fünf Runden Pranayam gemacht, aber an den anderen zehn Tagen vierzig Runden.
Am Ende jeden Monats überprüfe Deine Übungen und entscheide darüber, wie Du Dich noch weiter verbessern kannst. Am Ende des Jahres wirst Du feststellen, daß Deine Willenskraft außerordentlich gestiegen ist. Dann wirst Du wissen, daß Du ein freier Mensch bist, daß Dein Geist Dir gehorcht. Nach fünf oder sechs Jahren solcher Praxis wirst Du feststellen, daß Meditation von selbst kommt. Wenn Du Dich hinsetzt, wird sich augenblicklich die Energie bewegen, alle Chakren werden aufblühen und Dein Antlitz wird leuchten und strahlen.
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.