Die Lebensphilosophie von Swami Vishnu-devananda wurde in allem offenbar, was er tat. Er glaubte, lebte und lehrte, daß ein einziger Mensch eine wesentliche Bedeutung im Leben von anderen haben konnte. Weil er ein Glied in der alten Kette des Yoga war, gab er auch die große Macht der Yogaeinweihung weiter. Swamiji sprach oft darüber.
Wörtlich heißt Einweihung „Anzünden“. Wenn Du ein Feuer anzündest, wie fängst Du es an? Du beginnst mit kleinen, schmalen Zweigen und Papierschnipseln, dann zündest Du die Zweige an, fügst dann langsam größere Holzscheite dazu und hast bald ein großes Feuer! Aber wieviel Feuer brauchst Du für den Anfang? Nur ein kleines Streichholz, oder nicht? Ein kleines Streichholz kann diese versteckte Energie im Feuerholz anzünden. Daher kommt das Feuer. Wir sind alle nichts weiteres als schlafende Energie. Wie bei dem Feuerholz ist Energie vorhanden, aber es ist schlafende Energie. Das Holz, das wir ins Feuer geben, wird ein Teil des Feuers und steigert die Energie. Das ist das ganze Geheimnis der Einweihung. Einweihung bedeutet, das Mantra als einen Weg zu nutzen, das Herz zu erleuchten oder anzuzünden.
Schon bevor die Erde geboren war, gab es die Mantraenergie in einem bestimmten Zustand. Newton hat die Schwerkraft nicht erschaffen. Er hat die Existenz einer Energie entdeckt, die Schwerkraft genannt wurde. Es war nichts Neues, was Newton entdeckt hat. Auch Edison hat die Elektrizität nicht erschaffen. Elektrizität war bereits vorhanden. Edison entdeckte die Existenz einer bestimmten Energie, die Elektrizität genannt wird. In gleicher Weise hat die mantrische Energie existiert, sogar vor der Schöpfung.
Alles ist in einem Zustand der Schwingung, alles ist eine Welle aus Energie. Dein Körper schwingt auch auf einer bestimmten Wellenlänge. Du lernst, Dich auf eine bestimmte Wellenlänge einzustimmen, um eine bestimmte Energie, Stärke oder Kraft zu bekommen. Schließlich wird sich der Geist darauf einstimmen. Zu diesem Zeitpunkt hast Du kosmisches Bewußtsein oder bist in Meditation. Das ist die Formel des Geheimnises.
Jedes Individuum braucht ein Mantra, das zu seinem besonderen Geist paßt. Aber wir können keine vier Billionen Mantras haben. Wir kochen ja auch nicht für vier Billionen Menschen vier Billionen unterschiedliche Mahlzeiten.
Was für eine Art Nahrung haben wir? Manche Nahrung mögen wir lieber als andere, oder? Was essen wir zum Frühstück? Müsli, Früchte, Brot und Butter, Joghurt. Manche von Euch mögen mehr Müsli, manche nehmen mehr Brot und mehr Butter, manche mehr Joghurt, oder? Obwohl wir alle das gleiche Essen bekommen, mögen wir das eine oder andere eben lieber. Aber aus welchem Grund? Um unseren Körper zu ernähren, essen wir Müsli, immer mehr.
Das Gleiche ist mit den Mantras. Es gibt kein über- oder untergeordnetes Mantra. Alle Mantras sind gleichwertig und haben die gleiche Wirkung. Genau wie das Feuer, jedes Feuer brennt. Natürlich kann manches Holz mehr brennen, wenn es nicht naß ist. Aber selbst das nasse Holz wird brennen.
In Indien wissen wir, welches Mantra zu welchem individuellen Geist paßt, weil wir die Gottheiten kennen. Jeder Name hat eine Form, jede Form hat einen Namen. Wir können nicht jedes Wort als ein Mantra nutzen, die Form des Wortes wird in Deinem Geist widergespiegelt. Bezogen auf die Yogapsychologie übernimmt der Geist die Form des Objekts, an das Du denkst oder über das Du meditierst. Wenn Du an eine Orange denkst, übernimmt Dein Geist die Form der Orange, um sich die Orange vorzustellen. Das ist Gesetz, daran mußt Du Dich deutlich erinnern. Wenn ich also Orange, Orange, Orange denke, übernimmt der Geist die Form der Orange. Nur dann ist Sichtweite und Wahrnehmung möglich. Wenn es keine Form der Orange gibt, auch wenn Du wiederholst „Orange, Orange, Orange, Orange, Orange, Orange, Orange“, wenn es keine Form gibt, hat es keinen Einfluß auf den Geist. Der Geist weiß nicht, was es ist, es ist nur ein Wort.
Auf gleiche Weise ist nicht nur die Form allein ausreichend. Wenn Du nur die Form visualisierst, ohne den Namen der Orange, hat das keinen Effekt auf den Geist. Du brauchst Name und Form. Wenn Du das Feuer sehen möchtest, aber es gibt in Deinem Geist keine Form des Feuers, kannst Du „Feuer, Feuer“ wiederholen. Dann kannst Du immer noch nicht ans Feuer denken. Name und Form gehören zusammen.
Wenn das nicht so wäre, könntest Du jedes Wort zur Meditation benutzen. Du kannst wiederholen „Blume, Blume, Blume, Blume, Blume, Blume, Blume“, aber Dein Körper und Geist kann durch eine Blume nicht emporgehoben werden, durch die Energie oder die Ausstrahlung der Blume. Die Wellenlänge der Blume und das Objekt Blume hat keinen dauernden Einfluß auf den Geist. Nur spirituelle Wörter können Dich erheben. Diese Wörter werden spirituelle Mantras genannt.
Das Höchste Wesen ist eins und wird OM genannt. Das höchste Mantra ist OM: A-U-M. Alle anderen Mantras sind aus diesem OM entstanden :A-U-M. Jedes Mantra, das wir sprechen und einfach jede Sprache ist in dieser einen kosmischen Silbe OM versteckt. Die Bedeutung dieser Silbe OM ist für den durchschnittlichen Geist sehr schwer zu verstehen. Aus diesem Grunde weihen wir sehr selten jemanden in OM ein, weil es das höchste Mantra ist. Die Menschen haben nicht den höchsten subtilen Intellekt, den man für die Meditation über eine abstrakte Form wie OM benötigt, dennoch kannst Du über OM meditieren, wenn Du es möchtest. Es schadet nicht, weil es abstrakt ist. Alle anderen Mantras sind konkret, sie haben eine spezielle Form oder einen Namen.
Bist Du ein Krishnatyp, ein Ramatyp, ein Shivatyp oder ein Devityp? Das sind die grundlegenden Persönlichkeitstypen.
Bist Du ein Familienmensch oder ein Hausherr, denkst Du an Ehefrau oder Ehemann, Kinder, eine nette, sichere, gesunde Familie und an den Zusammenhalt einer Familie? Du möchtest Frieden in der Familie und eine wahre Verbindung zu Deinem Ehegatten, eine spirituelle Verbindung. Du denkst, daß Kinder ihre Eltern respektieren sollten. Wenn das das Leben ist, das Dich anzieht, dann hast Du die Persönlichkeit von Rama. Rama ist die Verkörperung dieses Charakters, er ist die Verkörperung des vollkommenen Ehemanns, vollkommenen Kindes, des vollkommenen Gottes, des vollkommenen Zerstörers der Dämonen und des Begründers von Gesetz und Ordnung. Er ist vollkommen in allem, er ist perfekt. Er hatte während seines Lebens nur eine Frau. In seinem ganzen Leben hat noch nicht einmal nach einer anderen Frau geschaut. Er hatte nur diese eine Frau, keine andere, das war seine Einstellung. Wahre Familienmenschen und solche, die Verantwortung für eine Familie übernehmen, fühlen sich davon angezogen. Wenn Du einen Charakter wie diesen hast, solltest Du über Rama meditieren. Du solltest in ein Rama Mantra eingeweiht werden.
Andere sind eher introvertiert. Sie gehen wie Lord Shiva zum Berg Kailash, für immer in die schneebedeckten Berge, fern von Lärm und Hektik. In den eisigen Höhen lebt und meditiert Lord Shiva. Jeder interessierte Ergebene wird zu ihm kommen, er ist nicht daran interessiert, seinen Anhängern entgegenzugehen. Er ist ebenfalls ein introvertierter Typ. Wenn Du eher diese Einstellung hast, auch wenn Du in einer Familie lebst, ein Hausherr oder ein Geschäftsmann bist, wenn Dein Temperament eher zurückhaltend ist und es Dir sinnlos erscheint, zuviel am aktiven sozialen Leben teilzunehmen und Dich sozialen Dingen zuzuwenden, wenn Du ruhig, entspannt und zurückgezogen leben möchtest, dann solltest Du in ein Shiva Mantra eingeweiht werden.
Die überwiegende Mehrheit der Menschen sind Krishnatypen. Krishna hat alle Eigenschaften eines menschlichen Wesens, von der Kindheit bis zum sehr fortgeschrittenen Alter. In einem Leben spielte er alle Rollen spielen, die wir kennen. Er war ein Staatsmann, ein Lehrer, ein König und ein Spieler. Er hatte die Fähigkeit, alles, was Du Dir vorstellen kannst, durch sich zu zeigen, in einem einzigen Leben. Also mag der Großteil der Menschen dieses besondere Naturell wegen der verschiedenen Charaktere, die Krishna gespielt hat. Wir geben dann das Krishna Mantra, wenn Du solch ein Naturell hast.
Andere sind mehr an der göttlichen Mutter interessiert. Sie fühlen sich mehr zu göttlicher, kreativer Energie und Kraft hingezogen. Sie haben mehr Liebe und Mitgefühl in sich, wie eine universelle Mutter, und sie sind näher an ihrem Herzen. Gott manifestiert sich auch als Mutter, nicht immer nur als Vater. Er hat alle Aspekte, auch die weiblichen. Dann können wir über diesen Aspekt meditieren, indem wir ein Mantra von Durga oder Devi bekommen.
Wenn Du einmal eine Gottheit, ein Mantra und einen guru gewählt hast, ändere es Dein ganzes Leben nicht mehr. Ändere nicht Dein Mantra, Deinen Lehrer oder Deine Gottheit. Das gilt für Dein ganzes Leben. Wenn Du Deine Einweihung erhalten hast, solltest Du Dein Mantra nicht ändern oder Dir ein neues suchen. Das ist nicht gut für Dich. Wenn Du Deinem Lehrer keinen Glauben schenkst, dann nimm von diesem Lehrer kein Mantra an. Versuche einen Lehrer zu finden, an den Du glaubst und dem Du vertraust. Du mußt Deinem Lehrer bestimmte Gefühle entgegenbringen, um den Nutzen einer Einweihung zu erfahren. Nur dann kann der Lehrer das Feuer in Dir entfachen.
Wir vergeben die Mantras nicht aus kommerziellen Gründen. Wir sind nicht daran interessiert, Geld oder etwas anderes von Dir zu nehmen. Es ist ein Brauch aus alten Tagen, daß Schüler dem Lehrer ein Dakshina oder eine Spende zukommen lassen. Das ist eine alte Sitte, und es gibt sie immer noch, da die Lehrer kein Geld oder Einkommen haben. Was die Schüler von Herzen geben, nutzen die Lehrer, um sich selbst oder der Menschheit zu helfen. Die Schüler können alles spenden: Früchte, Blumen, Geld, Blumengirlanden, einfach alles. Was immer sie entbehren können. Sie geben immer alles das, was sie zum Glück des Lehrers und der Organisation beitragen können. Das ist erlaubt.
Aber Du kannst kein Mantra verkaufen oder darum bitten, „Ich möchte das oder das Mantra.“ Diese Bitte darf der Lehrer nicht erfüllen. Das ist gegen alles spirituelles Wachstum. Kein Mantra kann verkauft werden, man kann sich weder eins ausdenken, noch gibt es neue Mantras. Es existieren spezielle Mantras, es gibt keine neuen. Wir können keine neuen erfinden oder jedem Individuum ein anderes geben. Es ist unmöglich, niemand kann so etwas tun und sich spiritueller Guru nennen.
Oft wird gefragt, “Müssen wir unser Mantra geheimhalten?“ Du mußt es geheimhalten, aber das bedeutet, daß Du es nicht einfach jedem erzählst. Wenn ich mein Mantra singe, sage ich nicht jedem, „Ich werde mein Mantra wiederholen!“. Wenn jemand es wissen will, und es gibt einen Grund für diese Neugier, kannst Du es ihm sagen, es schadet nicht, weißt Du. Das ist alles. Das ist das ganze Geheimnis.
Also was machst Du nach der Mantraeinweihung? Die Einweihung allein reicht nicht aus. Einweihung ist wie das Feuer anzünden. Wir benutzen nur ein kleines Stück Holz, um das Feuer anzuzünden, oder? Gut, angenommen, Du entzündest ein Feuer mit einem kleinen Streichholz, aber Du hast kein Holz und Papier zur Hand, was wird passieren? Es wird wieder ausgehen. Dieses Streichholz, die Einweihung, hat dann keinen Wert. Sofort, wenn das Feuer zündelt, mußt Du mehr Papier und mehr Brennstoff dazugeben, damit das Feuer größer und größer wird. Dadurch wird das Feuer riesig. Dann wird es Dir genug Kraft und Energie geben, es wird nicht so leicht ausgehen.
Je öfter Du Dein Mantra wiederholst, desto mehr wird das Feuer wachsen, es wird größer und größer. Dann kommt irgendwann eine bestimmte Ebene, eine sehr hohe Ebene, Du meditierst schon fast auf der transzendentalen Ebene. Auf dieser Ebene betritt Dein Geist automatisch die Meditation. Der Moment, an dem Du mit Om Namah Shivaya beginnst, wird Dein Geist klar und Du meditierst auf einer höheren Ebene. Es gibt keinen Klang in irgendeiner Form, keine gesprochene oder telepathische Form. Nur im transzendentalen Stadium schwingt der Klang. Die Schwingung von Om Namah Shivaya, Om Namah Shivaya setzt sich intensiv immer weiter fort. Die Kraft dieser Energie schwingt jetzt auf einer sehr hohen Ebene, das nennt man Meditation.
Du beginnst wie ein Anfänger, Om Namh Shivaya, Om Namah Shivaya. Du beginnst mit Worten, dann gehst Du über zur mentalen Wiederholung. Mental ist kraftvoller als zu sprechen. Schließlich beendest Du sogar die mentale Wiederholung und betrittst die telepathische Ebene, wo Klang und Name verschmelzen. Dann transzendierst Du das und kommst zum unsichtbaren Energiezustand, wo Du eins wirst mit der Form, über die Du meditierst. Du und Shiva, oder Du und Krishna, ihr werdet ein und dasselbe. Es gibt in diesem Stadium keine Unterscheidung mehr, der Meditierende und die meditierte Form werden eins. Du wirst das Objekt der Meditation, genauso wie Dein Geist die Form der Orange übernimmt, um die Orange zu sehen, so wirst Du Krishna, um Krishna zu sehen, oder Du wirst Shiva. Aber es gibt keine verschiedenen Gottheiten, Shiva unterscheidet sich nicht von Krishna, auch ist Krishna nicht verschieden von Rama oder Rama anders als Devi oder die Göttinnen. Sie sind alle eins. Abhängig von Deinen Beziehungen oder Deinem Charakter ist eins nur einfacher zu erreichen, um darüber zu meditieren.
Wiederhole Dein Mantra nach Deiner Einweihung. Laß es nicht einfach fallen. Meditiere regelmäßig. Hat das jeder verstanden?
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.