Pilgerreise zum Himalaya
Donnerstag, April 16th, 2009
„Der Zweck einer Pilgerfahrt ist die Reinigung“, sagte Swamiji, als er auf seinem Lieblingsplatz auf der linken Seite neben dem Eingang seiner Höhle „Sivananda Guha“ saß, mit dem Gesicht zu dem lärmenden, tosenden Ganges und den gigantischen felsigen Bergen. „Ich habe alle Möglichkeiten auf dieser Welt, Nassau, New York, Kanada usw., aber nichts ist vergleichbar mit diesem Ort hier, erklärte Swamiji. „Ich muß diesen ganzen Weg hierhin gehen, um am Ufer von Mutter Ganges zu sitzen!“
Reinigung. Unsere Ideen loslassen, unsere Anhaftungen, all diese kleinen Würmer und Insekten unserer Gedanken, die uns lebendig auffressen, Tag und Nacht. Loslassen und Frieden finden. Diese wundervolle, magische Energie einatmen, die uns kräftigt und uns jeden Moment als einzig und ewig fühlen und schmecken läßt.
Einzig und ewig ist dieses kleine Dorf Gangotri, sehr tibetisch mit seinen alten Stein- und Felshäusern, seinen engen Dorfstraßen, die gesäumt sind mit winzigen Hütten, Bazaren und Läden, die religiöse Gegenstände, Süßigkeiten, Opfergaben und Flaschen mit Gangeswasser verkaufen. Einzig und ewig der alte Tempel von Mutter Ganges, wo Swamiji uns zuerst hinbrachte, sich vor der Mutter niederwarf, vom pujari Prasad bekam und ein bis dreimal um den Tempel herumging, um ihren Segen zu erhalten. Einzig und ewig dieser Spaziergang am Ufer des Ganges, an den blanken Felsen entlang, auf ihrem (sehr heiligen, wie Swamiji sagte) grauen Sand, im kühlen Wind des Himalaya.
„Es werden einem alle Sünden abgewaschen, wenn man einmal in Mutter Ganges in Gangotri eintaucht“ (das letzte Dorf auf dem Weg hoch zur Gangesquelle), so ist der allgemeine Glaube. „Wie wäre es mit einem Bad in Gomukh (die Quelle des Ganges, 15 Meilen von Gangotri entfernt und nochmal 5000 Fuß höher)?“ Vielleicht sogar alle Sünden und die der vorigen Leben, da das Wasser eiskalt ist und direkt aus dem Gletscher kommt.
„Ihr müßt ein sehr gutes Karma haben, wenn Ihr von so weit hierher kommt, um ein Bad im Ganges zu nehmen,“ sagte Swamiji. „So viele Menschen träumen davon und können nicht kommen, auch wenn sie in Indien leben. Was wollt Ihr noch? In den Schwingungen von Heiligen und Weisen verweilen. In ihren Fußstapfen laufen. In ihrer Gegenwart sein. Man fühlt sich so winzig und unbedeutend, wenn man diese heiligen Plätze besucht, diese heiligen Tempel.
Tempel zu besuchen ist wie mit unseren physischen Augen die Herrlichkeit, die Farben und das Licht unseres inneren Tempels zu sehen. Ihre Hügel hinaufzusteigen und ihre Stufen zu erklimmen ist wie der Aufstieg, das Erklimmen der inneren Stufen zum Tempel unseres Herzens. Durch dunkle Labyrinthe und erhabene, innere Höfe der Tempel zu gehen, sich selbst vorzubereiten, das Innere zu erreichen und darshan mit Gott zu erfahren! Von Angesicht zu Angesicht mit seiner Herrlichkeit!
Angeführt von mystischen Kräften, ohne große Planung im voraus, erreichte Swamiji unerwartet Kedarnath via GauriKund, wo der Fluß Mandakini sein Lied singt und wo es keine Autos mehr gibt. Wir brauchten fünf Stunden mit den Pferden, um an der Spitze anzukommen. Wir mußten 1800 Meter hoch auf dem17 km weiten Weg.Wir ritten auf Pferden und diese gingen langsam in einer Reihe, den jungen Männern folgend, ihren Führern.
„Welch ein Karma, so ein Pferd zu sein, nicht wahr, Swamiji?“ fragte C.P., unser Begleiter. „Es ist alles Gottes lila,“ flüsterte Swamiji. Und er fuhr fort: „Der eine oben, der andere unten und der eine vorne sind eins. Wer trägt wen und wer führt wen?“
Nach einigen chai (heißer Tee)läden, näherten wir uns langsam der Stätte Shivas. Das Schauspiel war sehr erhebend. Die Berghänge waren mit üppiger tropischer Vegetation bedeckt, durchzogen von Flüssen und Wasserfällen. Endlich erreichten wir Kedarnath und gingen zum Tempel.
Was die Augen im Herzstück des Tempels sehen, ist eine dreieckige Form eines schwarzen Felsens, der vom Boden nach oben zeigt. Was der Geist erkennt, ist der heilige Sivalingam, der von Sri Adi Guru Sankachariya aufgestellt wurde. Was das Herz fühlt, ist sofortige Hingabe, die Augen wollen diese liebliche Erscheinung verschlingen, die Ohren sind erfüllt von unirdischen Liedern und Hymnen. Swamiji saß für die Puja direkt neben dem Sivalingam. Er saß mit gekreuzten Beinen und meditierte, während wir eine Verehrungszeremonie durchführten. Sein Körper zitterte und er weinte und schluchzte. Seine Hände waren zum Gebet und demütigen Gesten gefaltet. Was er sah, können wir niemals erahnen, und er kann es niemals beschreiben. Alles was wir sahen, war dieser wonnevolle und fremde Ausdruck auf seinem Gesicht, als er versuchte, es uns zu beschreiben: „Ich brauchte 60 Jahre meines Lebens, um diese Vision zu haben. Es ist unbeschreiblich, diese Vision von Siva und Parvati in einer Einheit zu sehen, der kosmische Vater und die kosmische Mutter. Es ist wie als ob Mutter und Vater auf mich gewartet haben, um mir in diesem Moment diese Vision zu geben.“
Zwei Tage später während der frühmorgendlichen Puja in Badrinath, im heiligsten der heiligen Tempel Indiens, geschah Swamiji das Gleiche. Er sprach nicht viel darüber, außer daß er dem Ersten Priester des Tempels, dem Rawal, einem Mann aus Kerala, der seit 25 Jahren seinen Dienst tat, erzählte, wie wunderschön Gott Badri Narayan war. Er wurde königlich behandelt. Der Rawal gab ihm eine große Tasche voller Prasad (gesegnete Speisen), direkt vom Abishekam, außerdem das goldene Tempeltuch selbst.
Badrinath ist im Gegensatz zu Kedarnath mit dem Auto erreichbar. Er hat einen wunderschönen, majestätisch dekorierten Eingang mit einer großen Glocke. Unten am Eingang gab es zwei natürliche, sehr heiße Quellwasserbecken (Napta Kund), wo wir vor der Puja ein reinigendes Bad nahmen.
„Ich war ein 19 Jahre alter Junge, als ich zum ersten Mal Badrinath besuchte,“ sagte Swamiji. „Gott erlaubt mir, es vierzig Jahre später noch einmal zu sehen. Nun bin ich sechzig Jahre alt.“ Er erzählte uns Geschichten von seiner ersten Pilgerfahrt, wie er barfuß und ohne Essen auf den Bergwegen von Rishikesh nach Badrinath unterwegs war, mit dem Gelübde, kein Geld anzurühren.
„Narada, Sarada, Sri Sankarcharyia, alle haben sie hier meditiert! Sie kamen alle hierher!“ rief Swamiji mit leuchtenden Augen, während er die Straße den Hügel hinunterging.
Swamijis hat buchstäblich seine eigene Fußspuren in dieser Region des Himalaya hinterlassen. Er blieb mit seinen Füßen im geschmolzenen Asphalt an der Seite der Straße stecken. Es dauerte einige Zeit, den Asphalt von seinen Füßen zu entfernen, selbst mit Benzin! Später im Auto, als wir herunterbrausten, lachte er von ganzem Herzen. „Sitaramananda! Erzähl jedem, daß Du der erste Schüler bist, der padapuja (rituelle Verehrung der Füße des Gurus) mit Benzin gemacht hat!“
Swami Sitaramananda
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.