Alice Frazier berichtet über Swami Vishnu Devananda
Samstag, Januar 10th, 2009Wenn der Schüler soweit ist, wird der Lehrer kommen, und manchmal werden wir zu unserer Bestimmung an äußerst unangenehme Plätze geführt. Ich traf Swami Vishnu das erste Mal 1963. Ich nahm Yogaunterricht im YWCA in New Haven, Connecticut. Unsere Lehrerin war exzellent. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Art, zu vollkommener Entspannung anzuleiten. Wo hatte sie das gelernt? „Oh“, antwortete sie, „geh da bloß nicht hin. Es ist ein kleiner Ort, abseits gelegen, in Kanada. Man kann abends nichts machen, keine Nachtclubs, kein Tanzen!“ Also fuhr ich zum Yogacamp nach Val Morin in Quebec. Ich nahm einen Turnanzug und ausgefallene Klamotten mit. Wenn es nichts war, wollte ich nach Maine an die Strände fahren. Offen gestanden war ich nicht vorbereitet auf meinen Empfang an der Rezeption des Camps. Swamiji, ein kleiner, dunkler Mann in roten Badesachen saß auf seinem bevorzugten Felsen und unterhielt sich mit einem Gast. Er sprang auf und rannte den Hügel hinunter, barfuß und alles, um mich zu begrüßen. Eins der Dinge, die mich am meisten beeindruckten, jetzt und später, war die Tatsache, daß er mich nie fragte, was ich im Leben so machte oder halt eine andere dieser typischen Fragen, die wir für selbstverständlich halten. Er nahm die Menschen einfach, wie sie waren. Er sagte mir, daß das neue Gebäude fertig war, aber noch keine Toiletten habe. Ich könnte im Haus schlafen, wenn ich das bevorzugen würde. Es war nicht das Hilton. Später bemerkte ich dann, daß meine Zimmergenossin ein Gesundheitsfreak war, die die ganze Nacht aufblieb, auf Karotten herumkaute und ständig ins Bad lief, um verschiedene innere Reinigungen zu vollziehen. Nach einer Nacht auf einer Matratze, die sich wie eine Eierkiste anfühlte, hatte ich mich entschlossen, daß ich am Morgen nach Maine fahren würde. Ich ging Richtung Yogahalle zur Morgenmeditation. Swamiji war von seiner Hütte den Hügel hinaufgeklettert, immer noch in seinen roten Hosen, aber er hatte einen orangen Umhang über sie gezogen. Während er sich auf der Bühne niederließ, sah ich mich um. Jeder hatte die Augen geschlossen, also machte ich es genauso. Und der Rest, wie man so sagt, ist Geschichte. Swamiji war allgegenwärtig, schlüpfte aus seiner Meditationsrolle als spiritueller Führer, indem er von der Bühne sprang und uns Asanas zeigte, die er in Perfektion vorführte. Er wirbelte durch den Raum und zog eine Wolke von besänftigender Energie hinter sich her. Man war fast versucht, einen Fehler zu machen, nur um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und immer war auch gute Laune mit dabei. Es war noch gar nichts, wenn man Mrs. Peyser kreischen hörte“Swami, Swami, nicht weggehen“, als sie im Handstand schwankte und Swamiji gluckste “Ich bin direkt hier“, während er fortging und sie mitten in der Luft hängenließ. Wir aßen alle zusammen, Swamiji am oberen Ende des Tisches. Eine meiner ersten lebendigen Erinnerungen war die, als er mir einen Teller voll mit Essensresten gab und mir sagte, ich solle damit den Hügel hinuntergehen und die Ziege füttern. Wer? Ich? Eine Starerzieherin aus Connecticut sollte sich Kiddie, seiner Hausziege nähern? Wir mußten vorsichtig bei Kiddie sein, aber Swamiji balgte mit ihr herum, und tat so, als würden sie mit dem Köpfen zusammenstoßen, um sich dann umzudrehen und von Kiddie gejagt zu werden. Swamiji war spielerisch, manchmal fast wie ein Kind. Er nannte uns nie bei unseren richtigen Namen. Ich war „Kon-nek-ti-kut“ oder „New Heaven“. Wie ich mich danach sehnte, daß er mich Alice nannte. Als er es endlich tat, tat es mit leid, weil es so war: „Alice mach dies, Alice mach das.“ Das Leben mit Swamiji war nicht nur Spaß und Spiel. Er lehrte Karma Yoga, den Yoga des selbstlosen Dienstes. Wir mußten sehr viel auf dem Camp arbeiten. Swamiji praktizierte, was er predigte, er kam und half, schleppte, zog und hackte. Ich bemalte alles, was sich nicht bewegte. Jeder half in der Küche. Die Mahlzeiten waren oft weniger üppig, wenn wir bei dem Kaufmann am Ort Schulden hatten: Swamiji war sehr, sehr großzügig und hätte nie jemanden abgewiesen. Da die Spenden für den Aufenthalt vollkommen freiwillig waren und sehr schwankten, war es nicht einfach, die Finanzen zu verwalten. Am letzten Morgen meines Aufenthalts saß ich in der Meditation. Tränen standen in meinen Augen. Swamiji sah meinen Kummer und beauftragte jemanden, für mich eine Dose Kekse einzupacken, wie um ein kleines Kind glücklich zu machen. Als ich die Straße entlangfuhr, wurden die traurigen Tränen zu Freudentränen als ich sang, „Om Namah Sivaya.“ Ich war glücklich, daß ich Yoga entdeckt hatte.
Alice Frazier Woodmont, CT
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.
