Nur noch EINE Geschichte oder Berglöwe statt Schaf
Swamiji war ein Meister im Geschichtenerzählen mit einem scheinbar endlosen Repertoire. Während des abendlichen Satsangs sprach er oft über komplexe philosophische Ideen. Um sicherzustellen, daß wir auch alles begriffen hatten, würzte er seine Vorträge oft mit Geschichten. Bis dahin hatte er manchmal schon mehr als eine Stunde gesprochen, es wurde spät, alle wurden müde. Er sagte ständig, „Nur noch eine Geschichte…“ Wir lachten jedes Mal, da wir wußten, daß aus der einen Geschichte zwei oder drei werden könnten. Aber das war uns egal. Es war wie in der Kindheit, vor dem Schlafengehen wurden noch Geschichten erzählt. Man mußte noch nicht einmal nach einer zweiten Geschichte fragen, so daß man länger aufbleiben konnte. Swamiji war immer glücklich, wenn er uns diesen Gefallen tun konnte. Hier ist eine seiner Lieblingsgeschichten.
Diese Geschichte erzählt von einem Schafhirten, der mit seinen Schafen in einem Tal lebte. Eines Nachts kam eine trächtige Berglöwin, um unter den Schafen zu jagen. Als der Schafhirt die Berglöwin sah, begann er auf sie zu schießen. Die Schießerei jagte ihr Angst ein. Plötzlich gebar sie ihr Löwenbaby, rannte zurück in den Wald und ließ ihr Junges bei den Schafen zurück. Glücklicherweise gab es eine Schafsmutter, die das junge Löwenbaby aufnahm und es nährte. Das Löwenjunge dachte, daß das Schaf seine Mutter sei und begann wie ein Schaf blöken – Baa Baa Baa Baa. Es trank Milch und fraß Gras, wurde ein Vegetarier. So wuchs das Löwenjunge unter Schafen auf und dachte, es sei genau wie die anderen Schafe.
Nach einigen Jahren kam ein großer Berglöwe, der König des Waldes, zum Tal der Schafe, um zu jagen. Da sah er unter den Schafen ein Mitglied seiner eigenen königlichen Familie, der wie ein Schaf blökte und Gras fraß. Was für eine Schande! Es war, als ob Prinz Charles unter Hippies lebte. Was würde Königin Elizabeth denken! Das war, was der Löwenkönig dachte. “Was für eine Schande für unserer königliche Familie!“
Also rannte er zum Schafslöwen und schrie, „Was machst Du unter den Schafen? Warum blökst Du wie ein Schaf?“
Und der Schafslöwe war furchtbar erschrocken. Als er sah, wie der Berglöwe auf ihn zulief, schrie er laut, „Mami! Mami, hilf mir! Dieser Kerl will mich töten!“
Aber die Schafsmutter rannte davon und der Berglöwe holte den Schafslöwen ein. „Hab keine Angst vor mir. Du bist ein Löwe, genau wie ich.“
„Oh nein, nein! Ich bin kein Löwe. Ich bin ein Schaf. Ich hab meine Mama hier, meine wundervolle Mami. Laß mich zu meiner Mama!“
„Oh nein! Du bist kein Schaf. Du bist ein Löwe wie ich.“
„Laß mich bitte in Ruhe. Ich bitte Dich, Löwe, laß mich gehen.“
„Nein. Nein. Nein. Ich werde Dir zeigen, wer Du bist.“ So schleifte er ihn gegen seinen Willen in die Berge und brachte ihn an einen großen See. „Schau in diesen See. Was siehst Du?“
Seine Augen waren fest geschlossen. „Nein, nein, ich will meine Augen nicht aufmachen. Ich habe Angst.“
„Hab keine Angst. Schau einfach hin. Erkenne, wer Du bist.“
„Ich weiß, wer ich bin. Ich bin ein Schaf. Ich habe eine Mama, drei Brüder und zwei Schwestern, ich lebe im Tal.“
„Nein, das stimmt alles nicht. Schau hin! Du hast vergessen, wer Du bist.“ Nach einiger Zeit öffnete der Schafslöwe seine Augen. „Was siehst Du?“
„Ich sehe Wellen.“
„Warte, bis die Wellen sich beruhigt haben.“ Bald gab es keine Wellen mehr, der See war glatt wie Glas. Plötzlich sah er sein Gesicht. Er sah nicht aus wie ein Schaf. Er sah das Gesicht des anderen Löwen neben sich. „Hey, ich bin ja wie Du. Du bist wie ich. Ich bin Du. Du bist ich. Wir sind beide Könige!“
Und der Berglöwe erwiderte, „Blöke nicht wie ein Schaf! Brülle wie ein Löwe! Geh zu Deinem Königreich in den Wald und genieße Dein Leben.“
Und zum ersten Mal in seinem Leben brüllte er. Kein Blöken mehr wie ein Schaf! Er erkannte, wer er war und lebte seitdem glücklich im Wald, in seinem Königreich.
Wer sind die Schafslöwen in dieser Geschichte? Wir alle. Wir blöken von morgens bis abends: Baa Baa Baa Ich bin ein Deutscher, Baa Baa Baa Ostdeutscher, Baa Baa Baa Westdeutscher, Baa Baa Baa Ich bin ein Russe Baa Baa Baa Amerikaner, Baa Baa Baa Protestant, Baa Baa Baa Katholik, Baa Baa Baa Ich bin Jude, Baa Baa Baa Ich bin Araber, Baa Baa Baa Ich bin einer der PLO, Baa Baa Baa Ich bin ein Kanzler, Baa Baa Baa Premierminister, Baa Baa Baa Ich bin männlich, Baa Baa Baa Ich bin weiblich, Baa Baa Baa Ich bin ein Swami, Baa Baa Baa. Das ist alles, was wir den ganzen Tag machen.
Die Berglöwen, die großen Meister wie Jesus und Sivananda, kommen zu uns und sagen, „Oh, Du blökst wie ein Schaf. Du bist kein Deutscher, Österreicher, Russe oder Amerikaner. Du bist das unsterbliche Selbst. Ich bin in Dir. Du bist in mir. Ich bin Er. Ich bin Brahman. Auch Du bist Brahman. Auch Du bist Gott. Aber dieser Körper ist nicht Gott. Sieh in Dich hinein. Du wirst herausfinden, wer Du bist.“
„Oh nein, nein! Ich will nicht herausfinden, wer ich bin! Ich weiß, wer ich bin. Ich bin ein Swami. Ich habe drei Ashrams, ich habe zehn Schüler. Ich habe 220 Zimmer und 30 Badezimmer. Ich habe Geld, zwei Millionen Dollar auf der Bank. Der Meister sagt, „Hey, das bist Du nicht. Diese Dinge gehören Dir nur.“ „Oh nein, nein! Ich habe meine Frau und meine Kinder.“ „Sie werden nicht mit Dir gehen. Sie sind alle Objekte.“ Oh nein, nein, nein! Ich liebe meine Frau und meine Kinder sehr, ich habe ein wunderschönes Zuhause, eine liebenswerte Familie und Kinder.“ Und der Lehrer sagt, „Blöke nicht wie ein Schaf. Wenn Du stirbst, wird Deine Frau dann mit Dir gehen? Werden Deine Kinder mit Dir gehen? Kannst Du Dein ganzes Geld mitnehmen?“ Er beginnt zu überlegen, „Hey, irgend etwas stimmt hier nicht.“
Du wirst ebenfalls sterben. Du kannst Deine Kreditkarte nicht mitnehmen. Du kannst noch nicht einmal Deinen Körper mitnehmen. Die Bazillen warten auf ihn. Der Tod wartet auf Dich, weil Du Dich mit dem Körper identifizierst. Du bist unsterblich.“
„Oh, mein Lehrer, sage mir, wie ich es finden kann, wie ich dem Tod entrinnen kann.“
„Ich werde es Dir zeigen, komme mit mir.“
Schließe Deine Augen. Schaue in Dich hinein, in diesen Geist-See. Was siehst Du? Pizza, Eiskrem, Bananen, Herzschlag, Atmung. Das sind alles Objekte. Das bist nicht Du. Du bist nicht das Herz, die Lunge usw. Schließe einfach Deine Augen und atme sehr sanft. Praktiziere. Mach weiter, praktiziere. Du mußt jeden Tag üben, sanft zu atmen. Wenn es keine Gedankenwellen mehr gibt, was siehst Du dann? Ich bin Du, Du bist ich. Es gibt weder Schüler noch Lehrer, weder ein Ich noch Gott, wir sind eins. Ich bin in allem, alles ist in mir. Ich bin, der ich bin. Aham Brahma Asmi. Sohum. Ich bin Er. Ich bin Er. Sohum.
Aus: “The Yogi”, Biography of Swami Vishnu Devananda von Gopala Krishna
Informationen über die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gibt es hier.